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Kanu Magazin, 29.11.2007

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Kanu Magazin, 29.11.2007
 Touren, Reisereportagen

Hintertür ins Paradies

Im schönsten Archipel der Welt haben es Seekajaker schwer – Anlanden und Zelten ist auf fast allen Inseln verboten, der Tourismus konzentriert sich in noblen Hotelanlagen. Der KANU-Betriebsausflug fand dennoch eine Hintertür ins Paradies.

Foto: Michael Neumann

November 2004, ein Nachmittag im Nord-Male-Atoll. Die Vindhu II ankert im Windschatten einer Insel. Blauer Himmel, grüne Palmen, weißer Sand und der türkise Ozean leuchten um die Wette. Ich rücke die Sonnenbrille zurecht. Drei Punkte schieben sich am Horizont entlang – Kathi, Michi und Rolf mit den Seekajaks. Olaf macht mit Manuel irgendwo Filmaufnahmen. Mich beschäftigt die Frage, ob ich nochmal schnorcheln soll oder nicht? Die Entscheidung fällt, als Falk übers Vordeck geschlurft kommt und ein eiskaltes Bier reicht. »Danke. Schon wieder so spät?« »Jau.« Es macht zweimal »Pfft«. Wir prosten uns sachte zu. Der CD-Player spielt Café del Mar, Volume 7, heute etwa zum 25sten Mal. Ein leichter Wind weht. Die Vindhu II schaukelt sanft. In Zeitlupentempo färbt die sinkende Sonne den Himmel ein. Yeah …

Die Lösung in der Badewanne

Paddeln unter Palmen.
Foto: Michael Neumann

 

Den Traum vom coolen Urlaub unter Palmen träumte die KANU-Redaktion schon seit fast zehn Jahren. 1995 bekamen wir Fotos einer französischen Paddlergruppe auf den Tisch, die mit Faltbooten durch die Atolle der Malediven getingelt waren (treue Leser werden sich ans Titelbild von KANU 6/95 erinnern). Das Bild der Postkarten-Inseln mit den Kajaks davor setzte sich in unseren Köpfen fest, auch wenn niemand ernsthaft die Realisierung von »Projekt Palme« vorantrieb. Als KANU-Redakteur Michi Neumann, frisch motiviert durch einen neuen Bacardi-Werbespot, sich letztlich doch einmal schlau machte, folgte die Ernüchterung: Die Recherchen ergaben, dass die Atolle der Malediven in der Tat ein Paradies für inselhüpfende Paddler sein könnten – nur dass die Malediven daran gar kein Interesse haben. Seit jeher setzt der islamische Inselstaat auf kanalisierten Edel-Tourismus. Wer dort Urlaub machen will, landet automatisch in einer Hotelanlage, individuell entscheiden darf man nur über die Anzahl der Sterne und der Animateure. Das Betreten anderer Inseln ist meist verboten, Tourismus auf eigene Faust nicht vorgesehen. Die Franzosen schienen 1995 Unmengen von Geld oder gute Verbindungen gehabt zu haben. Wir verfügten weder über das eine noch das andere. »Projekt Palme« wanderte zurück in die Schublade. Neun Jahre später fand Michi die Lösung – beim Schmökern in der Badewanne. »Das ist es!« Breit grinsend präsentierte er in der Redaktion am nächsten Tag eine Surfer-Zeitschrift. Auf den Fotos Palmen und Wellenreiter, es geht offenbar um die Malediven. »Ja und? Sollen wir auf Surfbrettern campen?« »Nein, auf dem Schiff, das man da hinter den Surfern sieht!« In der Tat: Die Surfer – so geht die Geschichte – wohnen auf einer 30 Meter langen Motor­yacht und lassen sich von einem Surfspot zum nächsten schippern. Ein Wohnmobil für die Bacardi-Welt! Und die Wellen sehen auch ziemlich gut aus. »Hmm. Da könnten wir außer Seekajaks ja noch ein, zwei Spielboote mitnehmen. Was kostet der Spaß denn?« »Ist nicht geschenkt, aber auch nicht teurer als ein Hotelurlaub. Ich mail die mal an.« Die Vindhu II bietet alles, was das Surfer- und natürlich das Paddlerherz begehrt: Sechs klimatisierte Kabinen für bis zu 16 Passagiere, Strom, Kühlschrank, ein Soundsystem für die Café-del-Mar-Volume-7-CD und eine Meerwasser-Ent­salzungsanlage. Das Dach dient als Sonnendeck, Sprungbrett, Sternenhimmel-Schlafplatz und Knutschecke, das schattige Vorderdeck zum erbaulichen Abhängen. Bei schlechtem Wetter – auch das gibt’s hier – kann man sich in den großen Salon verziehen, wo auch das Essen serviert wird. Zur Vindu II gehört neben Falk eine fünfköpfige einheimische Crew, die das Schiff führt, uns lächelnd mit Meeresfrüchten und Curry mästet und die typischen Problemchen an Bord einer Yacht – ausgefallene Klimaanlage, verstopfte Toilette, ausgegangene Sonnencreme – behebt.

Der Ursprung aller Klischees

Falks Surfspot erweist sich als recht anspruchsvoll. Mit leichten Stauchungen und gut durchspülten Nebenhöhlen sitzen die Paddler längst wieder an Deck, als Falk im Sonnenuntergang zum letzten Ride des Tages ansetzt. Irgendwann 2004, irgendwo im Nord-Male-Atoll. Die Sonne brennt, die Luft steht. Auf Captain Ahabs Pequot oder der Bounty müssten wir jetzt in die Beiboote und unser Segelschiff unter Peitschenschlägen durch die Flaute schleppen. Die Vindhu II jedoch hat einen Motor und schippert von alleine durchs glasklare Wasser. Leichter Fahrtwind kühlt die schwitzenden Leiber. Die Meuterei fällt aus.

Der Atem stockt im Schnorchel

Wir haben Kurs auf ein Außenriff genommen, laut Falk ein Geheimtipp zum Beobachten von Mantarochen, deren Flügel etwa so breit sind wie unsere See­kajaks lang. Mit den Mantas haben wir zwar kein Glück, stattdessen drehen wir aber eine ausgedehnte Runde mit Schnorchel und Flossen. Taucher aus aller Welt pilgern auf die Male­diven, da können wir Paddler ja auch mal einen Blick riskieren. Die Riffe präsentieren sich nicht ganz so bunt wie im Prospekt. Die Korallenbleiche, verursacht durch gestiegene Wassertemperaturen, hat auch die Malediven erwischt. Die Fauna hingegen lässt den Atem im Schnorchel stocken. Hat man sich einmal daran gewöhnt, von einer Blase aus 20.000 identisch bunten Fischen in die Mitte genommen zu werden, mag man gar nicht mehr hinaus. Wir lassen uns von Korallenbewohnern aller Art umschwärmen und von Muränen erschrecken. Zurück an Bord fachsimpeln wir über Papageifische und soooo große Riffhaie. Jacques Cousteau würde sich im Grab umdrehen. Während in der Kombüse die nächste Mahlzeit brutzelt – gut möglich, dass uns das Mittagessen vor 20 Minuten noch in die Taucherbrille gestarrt hat – macht Falk einen Vorschlag: »Um die Ecke« sei ein Spitzenspot, Wind und Swell stünden wahrscheinlich genau richtig. Ob das was wäre? Aber gerne! Paddler sind nämlich die besseren Surfer, erklären wir dem staunenden Falk, und dank Paddel und Rodeo-Kajak dem herkömmlichen Wellenreiter automatisch haushoch überlegen. Manuel und Michi fitten die Spielboote.

Letzter Surf im Sonnenuntergang

Die Theorie der automatischen Herrschaft des Paddelns über das Surfen erweist sich als nicht haltbar. Auch sonst beginnt man den Kollegen mit den kleinen Brettchen und den großen Badehosen Respekt zu zollen. Falk surft seit »20 oder 30 Jahren, weiß nicht genau« und hat nach zahllosen Surftrips um den Globus die Malediven als bestes Revier ausgemacht. »Weil es hier schön ist, immer was geht und so wenig Poser herkommen.« Irgendwann, irgendwo. 2004, oder? Ich habe keinen Plan mehr, welches Atoll, welcher Wochentag, was wir heute machen wollten. In den honigsüß dahinfließenden Tagen und Nächten versickert jedes Gefühl für Zeit und Raum. Nur an den ersten Rundblick jedes neuen Tages habe ich mich noch nicht gewöhnt – immer wieder ein Schock. Wer sich je gefragt hat, was genau »ungläubiges Staunen« bedeutet, kriegt hier den Crashkurs: Wasser in Grün-, Blau- und Türkistönen, von denen man nicht mal ahnte, dass es sie gibt; Delphine, die neben dem Boot dahinziehen; Palmen, die sich im Wind wiegen; und über allem spannt sich ein unendlich weiter Himmel. Der Ursprung aller Klischees – und doch ist hier kein Pappmaché im Spiel. Fast beruhigend die kleinen Brüche in der surrealen Fassade: Die Hotelinseln mit den wunderschönen Stelzenbungalows werden von finsteren Security-Typen bewacht. Die angeblich so scheuen Insulaner begrüßen uns dafür sehr freundlich (und kippen auch mal direkt neben unseren Kajaks ihren Müll ins Meer). Und manche der unbewohnten Inseln sind eher versifft als romantisch. Auch ein Ausflug in die nette Hauptstadt Male relativiert das Bild vom ewigen Bacardi-Feeling – hier wird ganz normal gelebt, gelacht, gelitten, gearbeitet. Unser Dasein an Bord ist geprägt von maßvollem Sportbetrieb und gepflegtem Gammeln. Die Seekajaks sind im Dauereinsatz bei Halbtagestouren, wer nicht paddelt, geht schnorcheln, surfen oder lesen, kommt zwischendurch was essen. Abends versammelt man sich auf dem Deck und lässt bei einem oder zwei Bier den lieben Gott einen guten Mann sein. Hat er ja auch gut hingekriegt, diese Malediven … Wenige Wochen nach unserer Abreise werden die Malediven von der Tsunami-Katastrophe getroffen. Über 100 Menschen sterben, der Sachschaden beträgt 100 Millionen Dollar. Im Vergleich zu anderen Staaten ist das Inselreich glimpflich davongekommen. Der Tourismus verläuft in der neuen Saison bereits wieder normal.

Epilog

November 2005, im kalten Deutschland. Kein Atoll weit und breit. Der Malediven-Artikel ist endlich fertig. Jetzt werde ich Falk mal eine Mail schicken und fragen, was sich so tut auf der Vindhu II. Und natürlich wieder die Play-Taste drücken. Café del Mar, Volume 7. Was sonst?

This article was written by Falk

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